Leitkultur

Leitkultur, Leitkultur, Leitkultur … in schöner Regelmässigkeit geistert das Wort durch die Medien. In der Regel von sich profilieren wollenden Politikern (de Maiziere, Sarrazin). Und jedes Mal jagt es mir einen Schauer über den Rücken und verursacht ein Unwohlsein, das je nach Sprecher bis zur Übelkeit gerät. Was wollen die Herren – und vereinzelte Damen – hier festschreiben? Nein, man muss eher fragen, was wollen meist ältere Herren und Damen hier festschreiben? Jedes Mal schießt mir blitzartig ein Gedanke durch den Kopf: Was wäre wenn in den frühen 50er Jahren eine Leitkultur festgeschrieben worden wäre?“ Wo stünden wir dann heute? Wo stünde ich als Frau dann heute? Schnell muss ich den Kopf schütteln, um diesen grausigen Gedanken loszuwerden, fühle ich mich doch schnell eingeengt und gefangen. Den Wertewandel, der in der Bundesrepublik in den letzten 60+ Jahren vonstatten ging, finde ich sehr begrüßenswert (Demokratisierung, Meinung- und Pressefreiheit, Emanzipation, Verbot der Prügelstrafe – um nun einige zu nennen). Hätten all diese Entwicklungen stattgefunden, wenn in den frühen 50ern eine Leitkultur festgeschrieben worden wäre? Meine Mutter hat oft erzählt, wie sie noch Anfang der 60er vom Dorf als treulose, undankbare Tochter betrachtet wurde, weil sie ein Jahr als Au-pair nach London ging, anstatt weiter im Büro des elterlichen Betriebs zu arbeiten. Will ich das? Will ich das für meine Kinder? Nein! Auch keine Lehrer, die mit dem Rohrstock Tatzen geben (obwohl es bereits verboten war – und die Eltern haben sich nicht gewehrt), keine Notwendigkeit eine Genehmigung des Ehemanns einzuholen, wenn ich arbeiten (in der BRD bis 1977) oder ein Bankkonto eröffnen will (in der BRD bis 1957). Hilfe, nein!

Interessante Gedanken zum Thema findet man u.a. in diesen Berichten:
Deutsche Welle: Stichwort Leitkultur
Deutschlandfunk: „Mit dem Begriff der Leitkultur …“
Bundeszentrale für politische Bildung: Leitkultur als …
RP Online: Jürgen Habermas zur Leitkultur